FOLGE 8: DER LUZERN-TATORT „FRISS ODER STIRB“ AM 30. DEZEMBER 2018, MIT STEFAN GUBSER UND DELIA MAYER

Und ich sag noch zu meiner Freundin als der Entführer und sein Opfer – schwerreicher CEO von Swisscoal – bei letzterem nach Schusswechsel und Kampf Mann gegen Mann im Hobbykeller sitzen: „Gleich machen sie zusammen ein Bier auf“ – Und sie taten es!!! Wer schreibt solche Drehbücher???

Was ging personaltechnisch?

Die Folge schließt direkt an den Frankfurt-Tatort am 2. Weihnachtsfeiertag an: Beziehungsstress zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden. In der Rolle des Unsympathieträgers einmal mehr Regierungsrat Eugen Mattmann, Vorsteher des kantonalen Departements für Justiz und Sicherheit und somit politischer Vorgesetzter des Luzerner Ermittlungsteams um Reto Flückiger und Liz Ritschard.

Er ist gut vernetzt und hat als Prio 1 zunächst mal die Unbeflecktheit der Schweizer Geld- und Machtelite auf seinem Zettel. Nur wenn kriminelle Machenschaften oder moralische Verwerfungen des Establishments partout nicht mehr zu leugnen sind, steht er endlich mal hinter seinen Leuten.

A priori aber gilt: Im Zweifel gegen seine Ermittler, die nur Staub aufwirbeln, bis hin zur Androhung einer Dienstaufsichtsbeschwerde ohne Kenntnis der Situation und Faktenlage. Autsch! Das ist jetzt nicht gerade The Power of One als Teamgedanke.

Dennoch gilt: Mitarbeitende und Führungskräfte haben unterschiedliche Rollen, Perspektiven und Verantwortlichkeiten und sie müssen dies wechselseitig akzeptieren. Dazu gehören auch mal unterschiedliche Prioritäten, Informationsstand, und Handlungsoptionen. Wenn also die Führungskraft mal Entscheidungen trifft und Dinge tut, die nicht allgemeinen Konsens unter den Mitarbeitenden darstellen – so what, that’s life. Bei der OSZE, wo ich 3 ½ Jahre als stellv. Personaldirektor war, hat der HR Director oder der Secretary General eben auch abweichend von meinem Rat gehandelt, das ist ihr gutes Recht, ja ihr Job. Mein Job war es, den Laden am Laufen zu halten, Analysen, Optionen und begründete Empfehlungen zu unterbreiten. So etwas am Arbeitsplatz also nicht persönlich nehmen!

Sollten sie Chef oder Chefin sein: Teilen Sie Informationen so weit irgend möglich! Und bewerten Sie erst ihre Mitarbeitenden , wenn Sie ihnen zugehört haben und wissen, worüber Sie dann eigentlich urteilen!

FOLGE 7: DER FRANKFURT-TATORT „DER TURM“ AM 23. DEZEMBER 2018, MIT WOLFRAM KOCH UND MARGARITA BROICH

Wieder mal 90 Minuten durch die hessische Hauptstadt insgesamt sowie durch einen bedrohlich aussehenden Turm als locus delicti dilettiert – ohne Hoffnung auf eine Lösung, zumal als Ergebnis einer methodischen Ermittlung. Die Zuschauer würden ja so gerne helfen, da sie als routinierte Tatort-Seher offenkundig besser qualifiziert sind als die orientierungslosen Kommissare Brix und Jannecke. Der Fall bleibt im Turm verborgen, sie kommen nicht an mögliche Tätergruppen unter den eingemieteten Firmen heran. Und warum nicht? Tja, fatale Mischung aus Ideenlosigkeit und Behinderung durch den korrumpierten Staatsanwalt, der nur zum Schein schnelle Resultate fordert. Kommissarin Jannecke wird im Turm zusammengeschlagen (schwere Körperverletzung einer Beamtin!), aber es wird nicht untersucht; Brix erschießt im Turm einen Mann und rettet seiner Kollegin das Leben, aber der Staatsanwalt glaubt ihm nicht einmal. Alles keine Gründe, sich mal polizeilich drum zu kümmern. Quelle horreur!

Die Personalthemen waren auch alle schon mal da: Kommissarin entlässt sich mit Schädel-Hirn-Trauma selbst aus dem Krankenhaus und ermittelt – und weder Kollege Brix noch Staatsanwalt juckt‘s. Rückt das Ermittler-Team ob dieser widrigen Umstände zusammen? Nö, jeder macht seine Alleingänge, als gäbe es dafür einen ‚Soli-Zuschlag‘. Nur der Kriminal-Assistent arbeitet fleißig offene Punkte ab, wird aber von Brix gedisst und demotiviert.

Braucht es jetzt nach etlichen Folgen ein kompetentes Trennungs-Management für die Kommissare? Nein, es sind ja schließlich Landesbeamte. Da bliebe nur die Versetzung zu einer anderen Gliederung der Landesoberbehörden, z.B. dem Polizeiarchiv oder in weniger komplexe hessische Kriminalitätsgebiete, als da wären der Vogelsberg oder der Schwalm-Eder-Kreis.

Und was kann der arme Assi tun? Was können Mitarbeitende tun in punkto Beziehungsmanagement mit der Führungskraft? Was, wenn sich Führungskräfte gar nicht als solche in ihrem Job verstehen, sondern als reine Fachleute oder eben egozentrische, kommunikationsarme Kriminaler – siehe Tatort-Kommissare in Frankfurt, Köln, Berlin, München, u.a.m.? Probieren Sie folgendes:

  • Verlässlichkeit und Selbständigkeit zeigen
  • Analyse, Vorschläge und mögliche Lösungen anbieten statt nur Probleme aufzuzählen
  • Eigene Anliegen und Bedürfnisse gegenüber Führungskraft zeitnah und deutlich an- und aussprechen
  • Erwartungen an Führung, Vorgaben, Informationen, Orientierung und Berechenbarkeit kommunizieren
  • Sachliches Feedback einfordern – aber nicht damit ständig nerven oder Dinge permanent in Frage stellen
  • Sich Vergleichsmöglichkeiten schaffen – wie werden andere Mitarbeitende gemanagt bzw. geführt – manchmal verliert man den Blick dafür, was eigentlich nicht mehr akzeptabel ist

Und als Führungskraft gehen Sie gefälligst darauf ein. In meiner Organisation geben im Zuge der Führungskräfteentwicklung Mitarbeitende ihre Einschätzung über Führungskräfte ab, aber umgekehrt bekommen sie auch gespiegelt, was das Kollektiv der Führungskräfte sich von den Mitarbeitenden wünscht – und dazu gehören z.B. auch oben genannte Punkte.

FOLGE 6: Der München-Tatort „Freies Land“ am 3. Juni 2018, mit Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec

Die Reichsbürger werden jetzt allenthalben fürs Fernsehen entdeckt. Knarzige, verschrobene Typen mit starker innerer Überzeugung und im Tatort auch mit dem Willen zur Tat: der eigenen Staatsgründung mit Währung und allem PiPaPo. Allerdings gehen die Aktivisten handwerklich so ungeschickt und desorientiert vor, als wären sie zuvor von Sergio Ramos schwer gefoult worden.

Historisch ist die Schaffung von so genannten Mikro-Nationen nichts Neues. 1967 proklamierte Paddy Roy Bates, ex-Major der britischen Streitkräfte, das Fürstentum Sealand auf der ehemaligen, künstlich im Meer errichteten militärischen Plattform HM Fort Roughs, 10 km vor der Küste von Suffolk. Auch er ging bis zu seinem Tod 2012 mit Waffengewalt gegen unerwünschte Eindringlinge vor. Sealand wurde nie als Völkerrechtssubjekt anerkannt (und lag zudem in britischen Hoheitsgewässern). Ein ähnliches Schicksal ereilte u.a. den Freistaat Christiania in Kopenhagen, und man könnte auch den Freistaat Bayern nennen, dem es anno 1949 nicht vergönnt war, der neuen und so unbayerischen Bundesrepublik nicht beitreten zu müssen.

Was können wir in der Auseinandersetzung Polizei gegen Freies Land personaltechnisch betrachten und verallgemeinern?

  1. DER MOBILE PROFESSIONAL: Wenn die Kriminalhauptkommissare Leitmayr und Batic ihr geliebtes München schon mal kurzfristig verlassen müssen, sind sie logistisch völlig unvorbereitet. Natürlich mag es dramaturgisch reizvoll sein, Batic beim abendlichen Wäschewaschen zuzuschauen. Aber in realita bietet sich ein light travel kit an – siehe daher untenstehende Packliste.
  2. DER KOMMUNIKATIVE PROFESSIONAL: Danach geraten die beiden in der tiefen Provinz in eine Situation, in der ihre gezückten Dienstausweise niemanden beeindrucken (sondern eher provozieren), nicht mal und schon gar nicht die eigenen Polizeikollegen vor Ort. Was tue ich also in dieser Lage nicht? Richtig: Mit der Tür ins Haus fallen, ungeduldig sein, arrogant sein, prontamente Anweisungen erteilen, sich durchsetzen müssen. Was tue ich stattdessen? Erstmal sich vorstellen, Fragen stellen, zuhören, active listening skills anwenden, die lokalen Umstände verstehen, Perspektivenwechsel probieren, ein Lagebild schaffen, ungeschriebene Regeln erkennen. Das gilt an jedem anderen Arbeitsplatz auch, sogar und gerade für Führungskräfte! Summa summarum: Kommissare und Manager aus HQs und Zentralen, hört auf eure eigenen Leute in den Außenstellen, Dependancen, Filialen und Projekten! Nehmt sie ernst und achtet sie nicht gering. Ihr braucht euch einander. THE POWER OF ONE!

P.S. Auch nicht anerkannt wurde die Republik Kugelmugel des Künstlers Edwin Lipburger im Wiener Prater (im Würstelprater neben der Villa Victoria, wo man nett einen Kaffee trinken kann): Ein Kugelhaus, unbewohnt, ohne Strom- und Wasseranschluss und hinter Stacheldrahtzaun. Aber gedacht als eigener Staat, da es ein „positiv konstant gekrümmter, zweidimensionaler Raum und daher kein Begriff im Sinne der Niederösterreichischen Bauordnung“ sei. Angeblich leben über die ganze Welt verteilt mehrere hundert Personen, die sich per Dokument als Staatsbürger von Kugelmugel bezeichnen.

Gratis-Tipp der Woche: Packliste für 1-3 Tage spontane Dienstreise (passt in jede kleinere Sporttasche)

  • Wechselkleidung (Ober-/Unterkleidung, leichte Ersatzschuhe falls Einsatz in Nässe)
  • Leichter Schal, wiegt nichts, ist aber multifunktional
  • Ersatz-Kulturbeutel mit Zahnbürste, Duschgel (gleichzeitig Waschmittel), Lotion, kleine Schere etc.
  • Kleines Handtuch
  • Taschentücher, feuchte Tücher
  • Schlafmaske und Ohrstöpsel
  • Taschenbuch als Einschlaflektüre
  • Packung Nüsse, getrocknete Aprikosen, Schokoriegel (falls der Wurst-Automat ausfällt) (allerdings auf Verfallsdatum achten)
  • Ersatz-Kugelschreiber
  • Ladekabel und Plug-in Kopfhörer für Hörbuch oder Musik
  • Fläschchen Minzöl (einige Tropfen auf Schläfen und Nacken wirken Wunder)
  • Schnuffeltuch für einsame Orte
  • Ersatzpatronen für die Dienstwaffe (optional)

FOLGE 5: Der Münster-Tatort „Schlangengrube“, am 27. Mai mit Josef Liefers, Axel Prahl, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Großmann

Eine Pinguin-Familie (Mama, Papa, Kind) wandert durch die Wüste, auf dem Rücken einen Wasserkanister. Sie machen unter sich aus, dass wenn einer ein Wasserloch findet, dieser auf die anderen zwei wartet und dann erst alle drei zu trinken beginnen und den Kanister auffüllen. Nach ewig langer Wanderung kommen die drei endlich an einem Wasserloch an. Plötzlich der kleine Pinguin: „Mama, Papa, ich hab meinen Kanister verloren“. Papa sagt: „O.K. Kleiner, du suchst ihn und wir warten solange, bis du wieder da bist, und dann erst trinken wir gemeinsam.“ Pinguinkind geht los. Ein Tag geht vorbei, zwei Tage gehen vorbei, eine Woche geht vorbei und Pinguinkind ist immer noch nicht zurück. Der Papa Pinguin sagt: „Ich muss jetzt was trinken, ich halte es nicht mehr aus!“ Er beugt sich zum Wasserloch hinunter. Plötzlich schaut das Pinguinkind hinter einer Düne hervor und schreit: „Wenn ihr bescheißt, geh ich gar nicht erst los!“

Die Münsteraner Tatort-Familie mal in fast ungewohnter Eintracht, beinahe konfliktfrei, um gute Beziehungen bemüht, lösungsorientiert, konstruktiv, so wünscht man sich jedes Team. Boring!
Die Stars des Abends waren hingegen kleine süße Pinguine – wie immer im business dress – denen böse Tierhändler und perverse Gourmets nach dem Leben trachteten. Fokussieren wir uns also mal auf das Thema Pinguine und Personalmanagement. Googelt man dieses Begriffspaar erscheinen lediglich zwei Bücher: „Das Pinguin-Prinzip – Wie Veränderung zum Erfolg führt“ von John Kotter (der den meisten auch als Autor von „Das Erdmännchen-Prinzip“ bekannt sein dürfte …) und Barbara Gallaghers „Unter Pinguinen – Ein tierisches Team-Buch“.

Festzuhalten gilt: Die meisten Pinguine sind unnahbare Zeitgenossen, dulden nur Körperkontakt unter Ehepartnern und Kindern und verhalten sich anderen gegenüber ausgesprochen rustikal, mit Drohgebärden, Flossenschlagen und Schnabelhieben. Revier-Eindringlinge werden unnachgiebig verfolgt. Jede Ähnlichkeit mit Managern und Vorgesetzten ist jetzt natürlich rein zufällig. Aber sie ist da.

Doch es gibt ja noch die Kaiserpinguine. Die gehen sozial einen Schritt weiter und kooperieren mit den vielen Kolleginnen und Kollegen auf der Scholle zum gegenseitigen Nutzen. Sie stehen eng aneinander in ihren Kolonien. Da ist es erstens sicherer, man findet zweitens willige Paarungspartner und drittens ist es wärmer – daher organisieren sich Bürogemeinschaften genauso.
Jedoch: Nach der Eiablage verabschiedet sich Frau Pinguin ins Meer, um zu essen, denn die Schwangerschaft zehrt sehr an ihren Kräften. Herr Pinguin bleibt zurück und gründet nach folgendem Ritual (bekannt auch aus Uschis Bierquelle am späten Abend) eine Kolonie: Zwei Männchen stellen sich nebeneinander, ein drittes stellt sich ihnen gegenüber auf und legt seinen Kopf zwischen den Schultern der beiden anderen Männchen ab. Die anderen 6000 gesellen sich dann nach und nach dazu. Das spart Energie, denn Herr Pinguin muss etwa 70 Tage so ausharren, ohne Nahrung, 40% des Körpergewichts verlierend und auf Energiesparmodus geschaltet. Kommt Frau Pinguin nur eine Woche später wieder zurück droht ihm der Hungertod. Erinnert mich an früher, wenn die Ehefrau eine Woche später aus der Kur zurück kam, und Männe längst die vorgekochten Vorräte verbraucht hatte.

WAS WIR DARAUS LERNEN

Pinguine sehen die Kolonie-Belegschaft nicht als Familien- und Kuschel-Ersatz, sondern als okay-Zweckgemeinschaft, wo man sich auch mal sozial näher kommt. Eine durchaus gesunde Einstellung: sie sehen das Ganze nüchtern als Job und müssen sich nicht im change management entrepreneurially engagen oder für den Job brennen. Wäre auch schwierig bei minus 27 Grad im antarktischen Winter.

FOLGE 4: Der Dresden-Tatort „Wer jetzt allein ist“, am Pfingstmontag, 21. Mai mit Alwara Höfels, Karin Hanczewski und Martin Brambach

W-A-R-U-M? Warum nur? Warum nur wieder ein Genre-Tatort? Und was für ein Genre sollte das sein? Tatort goes Blue Velvet? Nightmare on Elm Street meets Parship? Ist irgendeine Figur in diesem Tatort überhaupt zurechnungsfähig oder hat ein Minimum an evolutionsbasierter Impulskontrolle?

Die Dialoge sind so sparsam wie in Spiel mir das Lied vom Tod, nur dass leitender Kommissar Schnabel keine Mundharmonika spielt, sondern den Dukes on Fire fröhnt, inspiriert vom Sohn von Kommissarin Gorniak.

Also mal wieder mal Psycho, spooky. Düstere, kalte Bilder, ein Hauch von Film Noir.

Atmosphärisch stimmig scheint bei Kommissarin Gorniak emotional völlige Ebbe zu herrschen, daher entgrenzt sie beruflich und privat und vollführt mit dem Tatverdächtigen prickelnd-erotische  Wasserspiele und mehr. Offenbar ist auch sie nach Work-Life-Balance über Work-Life-Fit beim Work-Life-Blending angekommen und verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen. Hallo, geht’s noch?!

Ist sie getrieben von Todessehnsucht und bändelt mit dem psychopathischen Verdächtigen an als würde sie gleich eine Riesenportion Kugelfisch aufessen? Und dabei trägt sie die Kette seiner Mutter nach dem ersten Date – bizarr.

Und der Chef? Die Kommissarinnen Sieland und Gorniak nehmen ihn sowieso nicht ernst, erst am Ende, wenn er sie raushauen will. Er wird zum partner in crime und genehmigt Alleingänge seiner überaus „kreativen“ Angestellten.

WAS WIR DARAUS LERNEN

Im wirklichen Arbeitsleben geht Zusammenarbeit anders. Zur Illustration die Definition von „Collaboration“ als Core Competency bei meinem früheren Arbeitgeber OSZE:

  • Build positive working relationships across the company
  • Place team agenda before personal agenda
  • Proactively help and support others
  • Acknowledge the contribution of others and express appreciation for them
  • Manage team disagreements in a tactful and diplomatic manner

Irgendwas im TATORT wieder erkannt …?

Motto: Alle 11 Minuten verliebt sich ein Psychopath auf Love Tender…. Aber Dank der Begegnungen mit den Kommissarinnen sind am Schluss beide Dater tot

FOLGE 3: Der Schwarzwald-Tatort „Sonnenwende“, 13. Mai 2018 mit Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner

Holla, wieder mal packte die ARD die ganz großen Themen aus: Staatsräson vs. Justizgerechtigkeit, Freundschaft vs. Pflichterfüllung, Befangenheit  vs. dientbeflissene Distanz. Darüber stünde nur noch Max Webers Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik, aber das wird ja nun schon sehr oft bemüht. Jedenfalls wurde die Tat letztlich ermittelt und der Staatsschutz bleibt nicht zum ersten Mal als mörderischer Strippenzieher unbehelligt (vgl. auch NSU-Prozess).

Da fällt es auch kaum ins Gewicht, dass der Blut- und-Boden-Alm-Patriarch eher aussah wie ein Berlin-Mitte Hipster im Trachtenjanker (natürlich entworfen von einem angesagten off-label).

Personalmanagementtechnisch steht im Vordergrund: Findet Kommissar Berg zurück in den Rahmen seines Amtseides und unvoreingenommener Ermittlung? Er ist ja „ein echter Freund“ des Öko-Bauern und lässt die Familie als Zeichen seiner Ausgabendisziplin bei sich die Obsternte machen anstelle von Saisonarbeitern, mit einem fröhlichen Lied aus dem Nazi-Gesangbuch auf den Lippen. Puh. Da hat aber einer Netzwerken (Geben und Nehmen) und lokale Solidarität über die Polizeiarbeit gestellt.

Aber dann regt sich bei ihm der Gewissenskonflikt – you live, you learn. Sind das etwa falsche Freunde? Auch die Gerichtsmedizinerin, die Staatsanwältin, die Lehrerin der toten Sonnhild, alle miteinander hadern mit dem Dilemma von Loyalität zu „höheren“ Instanzen und  Verbrechensaufklärung.

WAS WIR DARAUS LERNEN:

Interne Kritik, Hinterfragen und zur Not auch Whistleblowing (wie hier Gerichtsmedizin-Leaks) sind mutig und wichtig, wenn es Betrügereien und kriminelle Vertuschungen gibt – „Wie lange willst du dir die Nase zuhalten, wenn es stinkt?“

P.S. Bei solch völkischen Bauernhöfen muss ich doch nicht direkt beim Erzeuger kaufen – auf zum Biosupermarkt.

FOLGE 2: Der norddeutsche Tatort „Alles was sie sagen“, 22. April 2018 mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz

Schon raffiniert, dieser Plot! Die eher vertrauensleere Zusammenarbeit der BKA-Beamten Falke und Grosz und ihr disruptiver Workflow waren ermittlungstaktisch nur vorgetäuscht, um den Chef der Lüneburger Polizei seiner kriminellen Machenschaften zu überführen! Als harmonieaffiner Zuschauer und mehr noch als Personaler war ich mehr als einmal kurz davor, beim Sender anzurufen, um eine Krisenintervention und Mediation anzubieten. Aber gemach – ALLES NUR GESPIELT.

Das kann man leider von manchen Organisationen und Unternehmen nicht behaupten, dort ist das REAL! Kollegen-Leaks, Informationshorterei, nadelstichige Bemerkungen, Missbrauch von personalized Kaffeetassen und Anschwärzen quer durch alle Ebenen gehören dort zum Alltag. Sei es wegen firmeninternem Verdrängungswettbewerb, Kommunikationsunlust, mangelnder Sympathie oder schlechtem Charakter.

Deshalb mein Appell an die Arbeitgeber: Schafft eine Arbeitsatmosphäre, die Empathie untereinander fördert (TOP-TIPP: Einfach mal Empathie googeln). Und an die Arbeitnehmer: Seid tolerant gegenüber den kleinen Schwächen, Marotten und Andersartigkeiten Eurer Kolleginnen und Kollegen. Ihr habt sie schließlich alle auch. Das ist die Basis von gelebter Diversität, die Unternehmen inzwischen, getrieben von der Globalisierung der Geschäfte und der Belegschaften, wie eine Monstranz vor sich hertragen und Richtlinien und Unternehmenswerte en gros zirkulieren. Natürlich ist die Frage, wie viele private Geschichten ich zum Arbeitsplatz schleppe und dort auslebe. In Film und Fernsehen ist das für die Dramaturgie – sprich Personalisierung – konstituierend. Im wirklichen Job nur in vertretbaren Dosen okay.

Zurück zum Tatort: Wie, bitte schön, ist es möglich, dass der Chef der örtlichen Polizei noch in derselben Nacht sich selbst als interner Chefermittler einsetzt, und einen Verhör-Marathon mit Falke und Grosz beginnt? Schließlich ist er formal nicht zuständig, und dazu befangen, hat doch sein eigenes Team in der Sache auch versagt. Ich habe selbst in internen Disziplinarfällen mitgewirkt, und sowas muss sehr sauber gehandled werden.

Falke und Grosz stellen diese fragwürdige Autorität nicht in Frage und spielen devot mit (bewusst, weil sie ja schon überlegten, wie sie den Chef drankriegen), aber für den Arbeitsalltag gilt: nicht alles hinnehmen und sich gefallen lassen! Leider ist es so, dass viele Vorgesetzte immer noch autoritär auftreten oder sogar austesten, wie weit sie gehen können. Also pädagogisch wertvoll vorgehen wie bei Vierjährigen: Grenzen setzen!

WAS WIR SONST NOCH LERNEN:

• Bei aller Genialität, wie Falke und Grosz den bösen Lüneburger Polizeichef in die Falle laufen lassen, ihre Befragungstechnik von Zeugen und Beschuldigten ist generell kein gutes Vorbild! Keine produktive Gesprächsatmosphäre, keine vertrauensbildenden Maßnahmen (ice breakers), keine offenen Fragen; dafür aggressive Ansagen und jumping to conclusions. Das muss im Bewerbungsgespräch besser laufen! Schließlich möchte ich, dass der/die Bewerber/in nicht zumacht, sondern aufmacht.

P.S. Der Deutschkurs-Leiter trennt seinen Müll nicht sauber! Wir werden das weiter im Auge behalten.

FOLGE 1: Der Franken-Tatort aus Nürnberg: „Ich töte niemand“, 15. April 2018 mit Dagmar Menzel und Fabian Hinrichs

Die gute Nachricht zuerst: Die beiden Kommissare erscheinen voll umfänglich dienstfähig – was für etwa 50% der Tatort-Kommissare bundesweit (plus Wien und Luzern) nicht gelten dürfte. Dennoch sehen wir von den Kommissaren praktisch nie eine Krankmeldung – nicht mal in Berlin, obschon der Krankenstand im dortigen öffentlichen Dienst bei über 30 Tagen pro Jahr liegt.

Allerdings sieht Ausgeglichenheit anders aus: Die Hauptkommissare oszillieren zwischen melancholisch, aggressiv, jovial, empathisch und konfrontativ. Mitunter taktisch, aber manchmal einfach wegen fehlender Impulskontrolle. Könnten wir uns in „normalen“ Jobs gegenüber KollegInnen und Kundschaft so verhalten? Natürlich nicht. Also keine Vorbilder, und eigentlich müsste der Chef hier mal Einzelgespräche führen. Aber der Polizeipräsident Dr. Kaiser ist selbst die größte Drama-Queen und poltert sich aus unerfindlichen Gründen durch die Folge. Gut, ein Kollege ist verstorben, aber er führt sich dennoch auf wie der Chef des Investmentbanking in „Bad Banks“ – wo er doch eigentlich moderieren sollte (remember: moderieren, spätlateinisch moderare, lateinisch moderari = mäßigen, regeln, lenken).

Ansonsten erleben wir den Evergreen des deutschen Tatorts: Motivationsloch, Sinnkrise, Zweifel am Job angesichts des Elends und der Gewalt. Das kollidiert bei den Kommissaren klar mit deren Wertevorstellungen von gesellschaftlicher Harmonie und Integration. Die typische Reaktion: Die Kommissare machen das erst mal alles mit sich selbst aus.

P.S. Okay, ist ein originelles Versteck für eine Waffe, aber vor laufender Kamera einen süßen Plüschpanda aufschlitzen geht gar nicht!

WAS WIR SONST NOCH DARAUS LERNEN:

  • Das ganze Team bräuchte mal Supervision für eine strukturierte Reflexion.
  • Wenn meine grundsätzlichen Werte mit meinem Job täglich gegeneinander prallen ist es Zeit für ein paar Überlegungen, ob und wie lange das noch gut geht.
  • Habe ich jemanden am Arbeitsplatz, mit der oder dem ich vertraulich über meine Zweifel und Frustrationen sprechen kann?
  • Tipp für Polizeipräsident Dr. Kaiser: Kuck dir mal Polizeipräsident Gerd Achtziger bei den „Rosenheim Cops“ an – so sieht souveräne und tiefenentspannte Führung aus – bei einer Aufklärungsquote von 100%!